Seit zwei Wochen bekommen wir immer dieselben Fragen von Kunden, und meistens in derselben Reihenfolge. Kann das unsere Angebote schreiben. Ersetzt das unseren Support. Müssen wir jetzt sofort irgendetwas tun.
Die kurzen Antworten: teilweise, nein, und ja, aber vorsichtig. Die lange Version steht unten, mit dem Vorbehalt, dass im Moment niemand seriös sagen kann, wohin sich das entwickelt.
Was gerade passiert ist
Ende November hat OpenAI ein Sprachmodell hinter eine schlichte Website gestellt und jeden ausprobieren lassen. Die Technik dahinter ist nicht neu. Solche Modelle gibt es seit einigen Jahren, und wer einen Entwicklerzugang hatte, konnte damit längst experimentieren. Neu ist der Zugang. Man tippt eine Frage in ein Textfeld und bekommt eine Antwort in flüssigen Sätzen. Das hat offenbar gereicht, um aus einem Fachthema ein Gesprächsthema am Küchentisch zu machen.
Was diese Modelle heute können
Sie sind gut in Sprache. Das klingt banal, ist aber genau der Punkt. Geben Sie einem Modell ein weitschweifiges Besprechungsprotokoll, und Sie bekommen eine brauchbare Zusammenfassung. Geben Sie ihm Stichpunkte, und es macht einen Absatz daraus. Bitten Sie es, eine Kundenmail freundlicher zu formulieren, und es tut das. Fragen Sie nach zehn Überschriften, bekommen Sie zehn, von denen vielleicht drei taugen.
Fällt Ihnen auf, was all diese Fälle gemeinsam haben? Das Material kommt von Ihnen. Das Modell ordnet es neu. Darin ist es wirklich stark, und stark genug, um Ihnen Zeit zu sparen.
Was sie nicht können
Fakten kennen sie nicht in einem belastbaren Sinn. Sie erzeugen Text, der wie eine Tatsache klingt. Manchmal ist es eine.
Rechnen können sie nicht so, dass Sie eine Rechnung darauf stellen würden. Sie haben keinen Zugriff auf Ihre Systeme, Ihre Preisliste, Ihre Bestände, Ihre Verträge, Ihre Projekthistorie. Fragen Sie nach Ihrem eigenen Unternehmen, und das Modell antwortet mit großer Sicherheit über eine Firma, die es nicht gibt. Es gibt keine Verbindung nach außen, also liegt alles Aktuelle schlicht außerhalb seiner Welt.
Warum falsche Antworten so überzeugend klingen
Das Modell sagt Wort für Wort voraus, was plausibel als Nächstes kommt. Ein Begriff von wahr oder falsch existiert darin nicht. Also kommt die falsche Antwort in derselben flüssigen, souveränen Sprache daher wie die richtige. Bei einem Menschen hören Sie das Zögern vor einer Vermutung. Hier nicht.
Diese eine Eigenschaft entscheidet, wo so ein Werkzeug im Unternehmen hingehört. Es gehört dorthin, wo ohnehin ein Mensch das Ergebnis prüft, weil das sein Job ist. Es gehört nicht dorthin, wo das Ergebnis direkt zum Kunden, zum Finanzamt oder in eine Kalkulation geht.
Womit wir anfangen würden
Mit Entwürfen, nicht mit Endergebnissen. Eine erste Fassung einer Produktbeschreibung, die jemand überarbeitet. Die Zusammenfassung eines langen Dokuments, gelesen von der Person, die das Dokument danach trotzdem öffnet. Das Umformulieren eines sperrigen Absatzes. Testdaten. Eine grobe Codeskizze, die ein Entwickler Zeile für Zeile prüft. Klein, mit geringem Einsatz, immer mit einem zweiten Blick darauf.
Was wir nicht tun würden: Kundendaten, Verträge, Kalkulationen oder Quellcode aus Kundenprojekten in ein öffentliches Textfeld kopieren. Sie geben Material an einen Dienst, dessen Nutzungsbedingungen Sie nicht verhandelt haben, und Sie wissen nicht, was mit Ihren Eingaben geschieht. Wenn Ihnen das übervorsichtig vorkommt, fragen Sie Ihren Justiziar und beobachten Sie sein Gesicht. Ob sich der Einsatz in Ihrem Haus überhaupt lohnt, ist genau die Frage, für die es unsere Beratung gibt.
Unsere Einschätzung
Interessant genug, um es aufmerksam zu beobachten und an etwas Harmlosem zu testen. Zu unausgereift, um einen Prozess darauf zu bauen. Wir probieren es in unserem Labor im Tegernseer Tal an eigenen Texten aus, bevor wir es irgendjemandem für etwas Wichtiges empfehlen. Fragen Sie uns in einem halben Jahr noch einmal, dann kann die Antwort anders lauten. Das ist kein Ausweichen. Das ist der ehrliche Stand im Dezember.
Häufige Fragen
Können wir das Modell mit unseren eigenen Daten füttern?
Über die öffentliche Oberfläche nicht sinnvoll. Sie können Text in die Frage hineinkopieren, dann arbeitet das Modell damit, aber nur in diesem einen Dialog. Danach ist es vergessen, und die Datenschutzfrage bleibt trotzdem offen.
Dürfen wir die Ergebnisse veröffentlichen?
Das ist ungeklärt, und wir würden es nicht als geklärt behandeln. Die urheberrechtliche Seite hat bisher niemand sauber beantwortet. Behandeln Sie das Ergebnis als Entwurf, den Sie umschreiben, nicht als Text, den Sie so übernehmen.
Sollten wir deshalb Personal abbauen?
Nein. Wer Ihnen das heute verkauft, rät.
Wenn Sie eine nüchterne Einschätzung wollen, ob das Thema in Ihrem Haus überhaupt Aufmerksamkeit verdient, sprechen wir das gerne mit Ihnen durch, unverbindlich und ohne Verkaufsdruck.
Dieser Beitrag gehört zu unserem Wissens-Hub KI und Digitalisierung im Mittelstand.