Kaum ein Erstgespräch kommt ohne diese Frage aus. Kaufen oder bauen lassen. Und weil wir eine Softwareschmiede sind, erwarten viele, dass wir reflexhaft zum Bauen raten. Tun wir nicht. Wir raten öfter zum Standardprodukt, als es unserem eigenen Auftragsbuch lieb ist.
Der Grund ist unspektakulär. In den meisten Bereichen ist Standardsoftware schlicht die bessere Wahl, und zwar nicht knapp, sondern deutlich. Interessant wird es an den Rändern. Genau dort liegt die eigentliche Entscheidung, und die trifft man besser nicht aus dem Bauch.
Wo der Standard fast immer gewinnt
Buchhaltung, Lohnabrechnung, Zeiterfassung, Meldewesen. Alles, was der Gesetzgeber regelt, ändert sich für Sie genauso wie für Ihren Wettbewerber. Wer hier selbst entwickelt, baut Vorschriften nach und pflegt sie anschließend jedes Jahr hinterher, wenn sich wieder etwas an Beitragssätzen oder Meldeverfahren dreht. Dafür gibt es Anbieter, die genau diese Arbeit einmal machen und an zehntausende Betriebe ausliefern. Sie selbst zu übernehmen bringt Ihnen keinen Vorsprung. Es bringt Ihnen eine Wartungslast.
Ähnliches gilt für den klassischen Teil einer Warenwirtschaft. Wenn Ihr Prozess so läuft wie in tausend anderen Betrieben, dann kaufen Sie ihn ein. Und wenn er nur deshalb anders läuft, weil vor zwölf Jahren jemand eine Excel-Liste angelegt hat, dann ist das kein Prozess. Das ist eine Gewohnheit.
Wo Eigenentwicklung sich wirklich rechnet
Es gibt zwei Situationen, in denen wir klar zur Eigenentwicklung raten.
Die erste: Der Ablauf selbst ist Ihr Wettbewerbsvorteil. Sie kalkulieren anders als die Branche, Sie disponieren anders, Sie haben eine Fertigungslogik über Jahre entwickelt und genau deshalb kommen Kunden zu Ihnen. Ein Standardprodukt ist in dieser Lage nicht neutral. Es drängt Sie zurück in die Norm, weil es die Norm abbildet. Sie zahlen dann dafür, den eigenen Vorsprung abzuschleifen.
Die zweite: Der Standard passt nur mit so vielen Anpassungen, dass am Ende ohnehin eine Eigenentwicklung dasteht. Nur eben eine, die Ihnen nicht gehört.
Der teuerste Weg von allen
"Wir nehmen den Standard und passen ihn ein bisschen an" klingt nach dem vernünftigen Mittelweg. In der Praxis ist es häufig die teuerste Variante auf dem Tisch.
Sie zahlen die Lizenz. Sie zahlen das Customizing. Sie zahlen bei jedem Update die Nacharbeit, weil Ihre Anpassungen an Stellen hängen, die der Hersteller ohne Rücksicht auf Sie verändert. Nach ein paar Versionswechseln sieht das Update zu riskant aus, also lassen Sie es. Ab da sitzen Sie auf einem Stand, den niemand mehr ordentlich unterstützt, ohne saubere Migration, und der Berater, der Ihre Anpassungen kannte, ist längst bei einem anderen Kunden. Sie haben eine Eigenentwicklung mit fremdem Wartungsvertrag.
Vier Fragen, die die Entscheidung tragen
Wie speziell ist der Ablauf wirklich? Nicht gefühlt, sondern im Vergleich. Fragen Sie zwei Leute aus Ihrer Branche, wie sie es machen. Unterscheiden sich die Antworten nur in Details, sind Sie im Standardgebiet.
Wie oft ändert sich der Ablauf? Ein Prozess, den Sie zweimal im Jahr umbauen, weil sich Ihr Markt bewegt, bindet in einem starren Produkt jedes Mal einen Berater. In eigener Software ist das ein überschaubarer Entwicklungsauftrag.
Wem gehören am Ende die Daten? Kämen Sie im Zweifel vollständig heraus, in einem Format, das ein anderes System lesen kann? Diese Frage stellen die wenigsten vor dem Kauf und fast alle nach der Kündigung.
Was kostet der Ausstieg? Rechnen Sie ihn durch, bevor Sie einsteigen. Lizenzbindung, Datenmigration, Schulung, Parallelbetrieb. Wenn der Ausstieg unbezahlbar ist, ist der Einstieg eine Einbahnstraße.
Eigenentwicklung erzeugt Pflichten
Das gehört zur Ehrlichkeit dazu. Software, die Ihnen gehört, müssen Sie auch pflegen. Bibliotheken veralten, Sicherheitslücken tauchen auf, Betriebssysteme ziehen weiter, und irgendwann steht die Frage im Raum, wer den Code eigentlich noch versteht. Wer eine Auftragsentwicklung beauftragt und danach fünf Jahre nichts investiert, hat am Ende genau das Altsystem, vor dem er weglaufen wollte. Das ist kein Argument gegen Eigenentwicklung. Es ist ein Argument dafür, die Folgekosten von Anfang an einzuplanen.
Häufige Fragen
Kann man Standard und Eigenentwicklung kombinieren?
Ja, und oft ist das die beste Lösung. Buchhaltung und Lohn aus dem Standard, der eigene Kernprozess in eigener Software, dazwischen eine saubere Schnittstelle. Wichtig ist, dass die Schnittstelle von Anfang an geplant wird und nicht als Notlösung hinterherkommt, wenn es schon weh tut.
Ab welcher Betriebsgröße lohnt sich Eigenentwicklung?
Die Größe ist der falsche Maßstab. Ein Betrieb mit acht Mitarbeitern kann einen Prozess haben, der das ganze Geschäft trägt und den kein Produkt abbildet. Ein Konzern kann seine Standardabläufe getrost einkaufen. Entscheidend ist, ob der Ablauf Ihr Geschäft ausmacht.
Was, wenn wir uns falsch entscheiden?
Dann zählt, wie teuer der Rückweg ist. Genau deshalb steht die Frage nach dem Ausstieg oben in der Liste und nicht ganz unten.
Wenn Sie gerade vor dieser Entscheidung stehen und eine Einschätzung wollen, die nicht davon abhängt, was wir Ihnen verkaufen können: Schreiben Sie uns. Wir sehen uns Ihren Ablauf an und sagen Ihnen auch, wenn der Standard reicht, unverbindlich und ohne Verkaufsdruck.
Dieser Beitrag gehört zu unserem Wissens-Hub Individuelle Softwareentwicklung.